Digital.

Interviewt von Leonie Beermann (Denkhandwerker) zum Thema: Digital Workplace

erschienen auf denkhandwerker.de

Marvin Nowozin im Gespräch zum Thema Arbeitsplatz der Gegenwart und Zukunft.

Wo siehst Du heute und in naher Zukunft die größten Herausforderungen bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen – bzw. bei Arbeitsplatzkonzepten?
Hinsichtlich der Arbeitsplatzgestaltung sehe ich heute vor allem zwei große Herausforderung, die es in der Zukunft zu meistern gilt: (1) Der Spagat zwischen Flexibilität und Sicherheit sowie (2) die Bereitschaft und den Willen zur Veränderung. Als Millennial stehe ich einer solchen Veränderung persönlich sehr positiv gegenüber. Das Aufwachsen mit digitalen Medien und die schnelle Adaption neuer Technologien bedeutet, dass sich die Generation Y an die traditionelle Definition von Arbeiten wagt. Und dabei scheint sie gnadenlos zu sein. Der Wunsch nach mehr Flexibilität, Eigenverantwortung und eine Neuordnung von Werten erfordert auch eine Anpassung auf dem Arbeitsmarkt, oder konkreter: Eine Anpassung der Unternehmen. Diese stehen heute vor der Herausforderung, eine Schnittmenge aus Flexibilität und Sicherheit zu definieren. Mit Sicherheit ist an dieser Stelle nicht allein eine interne Datensicherheit, sondern beispielsweise auch die Aufrechterhaltung einer „gesunden“ Kommunikation gemeint. Wenn es um die Affinität zur Veränderung geht, sehe ich in Unternehmen vor allem eine mentale Baustelle: Und zwar, dass die Rechnung Zeit (Nine to Five) gegen Geld (Gehalt) nicht mehr aufgeht.

Hat der klassische Arbeitnehmer im klassischen Büro ausgedient; sind Arbeitsplätze zukünftig überall, aber nicht mehr unbedingt am Unternehmenssitz angesiedelt?
Meine Antwort auf diese Frage: Jein. Klar, geht der Trend klar zum flexiblen Arbeitsalltag hin. Work-Life-Blend, also die Verschmelzung zwischen Arbeit und Freizeit, scheint nicht mehr in allzu weiter Ferne, für den ein oder anderen sogar schon zur Normalität geworden zu sein. Der amerikanische Gründer und Buchautor Jason Fried äußert sich zu diesem Thema in einem TED Talk unter der Überschrift „Warum Arbeit nicht am Arbeitsplatz geschieht“ mit einer sehr provokanten, gleichzeitig aber auch interessanten These.[1] Fried vergleicht die Eingangstür zu einem Unternehmen mit einem Mixer, der – sobald man die Türschwelle erreicht – einen Arbeitstag in winzig kleine Arbeitsmomente zerkleinert. E-Mails, Meetings & Co. – nach Fried allesamt Kreativitätskiller. Besonders wenn es um diese Kreativität geht, kann man Fried meiner Meinung nach in vielen Ansichten zustimmen. Flow-Erleben (also das restlose Aufgehen in einer Tätigkeit bei völliger Vertiefung), beschrieben durch den Professor für Psychologie und Glücksforscher – und jetzt haltet euch fest – Mihály Csíkszentmihályi, entstehen nicht häufig vor einem Notebook.[2] Mir persönlich kommen die besten Ideen gerade dann, wenn ich nicht über ein spezielles Problem nachdenke; zum Beispiel beim Autofahren oder Putzen. In meinem persönlichen Fall den Staubsauger im Home Office anschmeißen: Sollte also kein Problem sein.

Jetzt mal ganz konkret: Was ist der Digital Workplace für Dich?
Die Bereitstellung von Daten, das Aufrechterhalten von (persönlicher) Kommunikation, eine Erhöhung von Transparenz, Engagement und Mitarbeiterzufriedenheit, das Verschwinden von Wissensinseln, eine neue, realitätsnahe Definition von Arbeitsprozessen, die Attraktivität von Unternehmen im War of Talents, das Arbeiten auf unterschiedlichen Endgeräten bei gleichbleibender oder gar höherer Sicherheit bringt vor allem folgendes mit sich: Produktivität. Die Paradoxie dabei: Eine physische Distanzierung kann eine zwischenmenschliche Annäherung mit sich bringen, also das Wir-Gefühl stärken und die gesamte Unternehmenskultur verbessern.

Fachbereichsverantwortliche und Vorgesetzte haben laut Umfragen dabei aber häufig Angst vor Kontrollverlust. Was ist Deine Meinung – was ist Deine Empfehlung?
Auch wenn mich die Umfrageergebnisse an dieser Stelle nicht wundern, bin ich der Meinung, dass sich eine solche Angst nehmen lässt. Sofern die folgenden vier Punkte gewährleistet sind, spricht – wie ich finde – nichts dagegen, zumindest einen Teil seiner Arbeit nicht mehr im traditionellen Office zu erledigen und diese vor Frieds erwähnten „Mixer“ zu schützen.

1. Machbarkeit
Eine notwendige Voraussetzung für das Arbeiten am digitalen Arbeitsplatz ist sicherlich, dass diese Arbeit auch genau dort erledigt werden kann. Einem Taxifahrer würde ich also wohl kaum empfehlen, seinen Vorgesetzten nach einem flexiblen Arbeitsplatzmodell wie z. B. Telearbeit zu fragen. Ein Chirurg im Home Office? Lieber nicht … Sind jedoch die Möglichkeiten gegeben, also Prozesse definiert, eine technische Grundausrüstung zur Verfügung gestellt und eine Systemanbindung an das Unternehmensnetzwerk garantiert, ist meiner Meinung nach die erste Hürde zum digitalen Workspace genommen.

2. Transparenz
Ein Vorgesetzter sollte über die Arbeit seiner Angestellten Bescheid wissen. Ob er allerdings zweimal täglich über die Schulter seiner Mitarbeiter schaut oder aber in einem Dashboard auf einen Blick nachvollziehen kann, an welchem Projekt gerade gearbeitet wird, sollte doch kein großes Problem sein, oder?

3. Kommunikation
Wir haben bereits darüber gesprochen: E-Mails, Meetings oder auch Webinars. Kommunikation ist heutzutage doch schon ziemlich digital. Und ein digitaler Arbeitsplatz schließt regelmäßige, persönliche Begegnungen im Office auch nicht aus. Hier sehe ich also auch keine große Hürde.

4. Vertrauen
Das wohl größte Problem sehe ich in der Beziehung zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter. Ganz konkret: Im gegenseitigen Vertrauen. Doch wenn die obigen Punkte (besonders Transparenz und Vertrauen) gegeben sind, spricht auch nicht viel gegen die vierte und letzte Herausforderung.

Um das Interview mit einem simplen Wort abzuschließen, bedeutet für mich ein digitaler Arbeitsplatz (paradoxerweise): Annäherung.

Marvin, vielen Dank für das Gespräch!