German Angst.

Warum Risikoaversion eine deutsche Volkskrankheit ist

erschienen auf denkhandwerker.de

In den letzten Wochen habe ich intensiv darüber nachgedacht, mit welchem Thema ich Euch in meinem zweiten Gastbeitrag zum Nachdenken inspirieren könnte. Letztendlich habe ich mich mit Leonie darüber geeinigt, dass ich etwas über „Was Großkonzerne von Start-Ups lernen können – und umgekehrt“ schreiben möchte. Nun ja, wie es der Zufall will, habe ich mich doch gegen dieses Thema entschlossen; die Gründe dafür sind weniger interessant. Zumindest weniger als das Thema, worüber ich Euch heute gerne etwas erzählen möchte. Ja, auch hierbei geht es um Start-Ups und Ja, streng genommen geht es auch um Großkonzerne. Es geht schier um jeden von uns, um unsere gesamte Gesellschaft, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. Der folgende Beitrag umreißt zwei Themenbereiche, auf welche ich in meinem Buch „Sind alle Schwäne weiß?“, welches im Februar veröffentlicht wird, eingehe. Ähnlich wie bei diesem Thema gehe ich auf unterschiedliche Bereiche unseres Lebens ein, wobei ich dem Leser zeigen möchte, dass nicht alle Schwäne weiß sind. Was das bedeutet? Bei diesem Thema würde ich dir an dem Beispiel von „German Angst“ gerne zeigen, dass besonders unsere Gesellschaft von Risikoaversion geprägt ist, gleichzeitig jedoch auch ein schwarzer Schwan – in Form risikofreudiger Gesellschaften oder Individuen – existiert.

Was ist „German Angst“?
Beschreibt das Wort „German Angst“ etwa die Furcht der Deutschen vor gruseligen Horrorfilmen oder vielleicht vor dem Besuch der Schwiegermutter am nächsten Wochenende? Ist das, was wir „German Angst“ nennen, für die Türken „Turkish Angst“ oder die Asiaten „Asian Angst“? Nein, Spaß beiseite. „German Angst“ ist typisch für unsere Gesellschaft. Für viele Deutsche ist es das 11. Gebot der Bibel, der erste Paragraph des Strafgesetzbuches und genau so hip wie die Kombination aus Sandalen und weißen Tennissocken: „Du darfst keine Fehler machen“. Sei es beruflich oder privat, wir versuchen tunlichst Fehler zu vermeiden, schämen uns, wenn uns ein Fehler unterlaufen ist. Menschen, die in unserer Gesellschaft einen Fehler machen, sind das ungeliebte Kind, abgestoßen, ins Exil geschickt. Einen Fehler zu begehen ist – wie das Wort schon sagt – nicht richtig. So einfach ist das, oder etwa doch nicht? Streng genommen beschreibt „German Angst“ die typisch deutsche Zögerlichkeit, was für mich gleichzeitig mit dem Thema „Fehlerkultur“ einhergeht. Wir Deutschen sind das Sinnbild der Beständigkeit, wobei Euch vielleicht schon einmal das folgende Zitat unter die Augen gekommen ist: „Nichts ist so beständig wie der Wandel” (Heraklit von Ephesus)

Start-Ups und die „German Angst“
Irgendwie sind wir gar nicht mehr so beständig, oder? Zumindest, wenn wir uns die aktuelle Start-Up-Kultur in Deutschland anschauen, welche ein super Beispiel für das Wort „German Angst“ ist. Nun ja, wohl eher ein trauriges Beispiel. Seit mehr als zehn Jahren veröffentlicht die Deutsche Industrie- und Handelskammer jährlich den sogenannten Gründerreport. Dieser gibt Aufschluss über die derzeitige Gründungssituation sowie über Indikatoren für Veränderungen gegenüber den Vorjahren. Von 2014 bis 2015 hat sich das Gründungsinteresse um bis zu zehn Prozent verringert, ist damit dem Trend der vergangenen fünf Jahre gefolgt und hat mal wieder einen neuen Negativrekord aufgestellt. Und es sei angemerkt, dass aus einem reinen Gründungsinteresse längst keine tatsächliche Gründung folgt. 42 Prozent der deutschen Bevölkerung würde, falls die Gefahr besteht zu scheitern, den Weg in die Selbstständigkeit nicht einschlagen, was zahlreiche Studien belegen. Hier liegt der Grund dafür, warum wir in einer Gesellschaft leben, in der zwar knapp die Hälfte die Selbstständigkeit einem Angestelltenverhältnis vorziehen würde, den Schritt dorthin jedoch nicht wagt. Es ist die Angst vor dem Scheitern. Diese Angst spiegelt sich auch im Innovationsindikator, einer gemeinsamen Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie und der Deutschen Telekom Stiftung zur Innovationsfähigkeit Deutschlands im internationalen Vergleich, wider. Dabei belegen wir – besonders in Hinblick auf gesellschaftliche Innovationsfähigkeit – keinen guten Platz.

Deshalb bin ich der Meinung, dass Risikoaversion eine deutsche Volkskrankheit ist. Während Insolvenzen hierzulande gesellschaftlich stigmatisiert werden, bekommt man in anderen Ländern für das vermeintliche Scheitern Lob und Anerkennung. Wie passt das zusammen? Ich begehe einen Fehler und erhalte dafür noch einen Lolly? Fällt dir etwas auf? Ich habe dir gerade etwas über die gesellschaftliche Einstellung von Insolvenzen erzählt und diese anschließend als einen Fehler bezeichnet. So seltsam es auch klingen mag, aber eine Insolvenz als Fehler zu bezeichnen, ist bereits ein Fehler. Warum soll es falsch sein, etwas ausprobiert zu haben? Scheiterst du mit deinem Unternehmen in den USA und suchst anschließend eine Bank auf, um dieser von einer neuen Geschäftsidee zu berichten, wird diese nicht lange mit ihrer Unterstützung zögern. Du zeigst schließlich Willenskraft und bist bereit aus deinem Scheitern zu lernen. Mag man dieses Scheitern jetzt als Fehler bezeichnen oder nicht – du wirst jedenfalls nicht als Verlierertyp abgestempelt. Vielmehr bist du ein Sieger, ein Phönix aus der Asche, der seinem unternehmerischen Erfolg einen Tapetenwechsel ermöglicht.

Dass Mentalität und kultureller Hintergrund einen erheblichen Einfluss auf die Risikoeinstellung – bezüglich auf Neugründungen – haben, belegt der Gründerreport aus dem Jahr 2015. Während sich das Gründungsinteresse innerhalb der letzten acht Jahre um knapp vierzig Prozent verringert hat, ist der Anteil an Gründern mit Migrationshintergrund gleichzeitig gestiegen. Demnach besitzt mittlerweile knapp jeder fünfte Gründer eine Migrationsgeschichte. Für diesen mutigen Teil unserer Gesellschaft ist „German Angst“ ist also ein Fremdwort.